Alle Jahre wieder finden sich auf dem Museumsflugplatz Finowfurt bei Berlin die Liebhaber klassischer Fahrzeuge der 40er und 50er ein, um auf der traditionellen Achtelmeile ihre in die Jahre gekommenen Schätzchen im Vollgasmodus gegeneinander antreten zu lassen. Hier unser Bericht von der automobilen Zeitreise.

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Wenn man die Autobahn A11 am Veranstaltungswochenende Richtung Finowfurt verlässt, hat man meist schon einige von ihnen überholt. Amerikanische Oldtimer aus den 50er Jahren, die entweder auf Trailern oder auf eigener Achse gemächlich (Kraftstoff ist dieser Tage schließlich teuer wie nie) in Richtung Luftfahrt-Museum Finowfurt blubbern. Der besondere Personenkreis, der sich alljährlich zum Race 61 trifft, lenkt jedoch keine typischen Klassiker zum gemütlichen Hauben-auf-Treffen. Vielmehr überholt man eine Reihe teilweise abenteuerlicher Gefährte, die neben modernen Autos auf der Autobahn wie verirrte Geschosse aus einem schwarzen Loch wirken.

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Hot Rods, die Rennwagen der Jugendlichen in den USA um 1940. Um beim Beschleunigungsrennen auf trockenen Salzseen den maximalen Vortrieb zu erreichen, musste das Basisfahrzeug, meist eines der damals preiswerten Ford Modelle, mächtig Federn in Form der Schutzbleche und ähnlich fahrtbremsenden Materials lassen. Dies macht einen Großteil der irren Optik aus, die freistehenden Räder wirken wie von einer Pferdekutsche. Der kräftige V8 Motor war oft schon von Haus aus drin, dazu ein mechanischer Vergaser, der gierig die vom Kompressor verdichtete Luft in den Brennraum saugt und ein kurz nach dem Krümmer endender Auspuff. Maximaler Fahrspaß bei minimalem Aufwand, die genau umgekehrte Glücksformel zum Plastiktuning dieser Tage.

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Hot Rodder, eine automobile Subkultur, die beschlossen hat, in den 50er Jahren zu verharren und möglichst so zu zersplittern, dass eine Kategorisierung für Außenstehende unmöglich wird. Ist das Fahren von schwer verkehrsuntüchtigen Fahrzeugen im öffentlichen Straßenverkehr jetzt Rebellion oder Nostalgie? Nicht mal das gute, alte Oldtimer H-Kennzeichen gibt darüber verbindlich Auskunft. Zwar lässt sich die Aufmachung der Rods als „schutzbedürftiges, zeitgenössisches Tuning“ und somit als Oldtimerkennzeichen-würdig bezeichnen, andererseits ist es aber auch eine verdammt günstige und stressfreie (lästige TÜV Prüfungen entfallen weitgehend) Art, unterwegs zu sein.

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Bevor dieser Artikel jedoch zu sehr in die romantische Subkulturforschung abgleitet, sei gesagt, dass das nunmehr seit 11 Jahren stattfindende Roadrunner’s Paradise mittlerweile zum Pflichttermin für Lenker und Fans von Fahrzeugen besagter Jahrzente geworden ist. Aus dem anfänglich nur für klassische Motorräder gedachten Wochenende wurde schnell eine Veranstaltung für die unterschiedlichsten Fahrzeugklassen und Gruppen. Im Schatten der ausrangierten Militärflugzeuge parken Ford Mustang und Triumph Krad in friedlicher Koexistenz. Ebenso wie deren Besitzer, die die Heringe ihrer Iglozelte ohne Berührungsängste nebeneinander einschlagen. Ohne Dresscode und Polierzwang parkt es sich einfach besser. Und wer letztendlich in der Nahrungskette weiter vorn steht, entscheidet eh das Duell auf der Achtelmeile.

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Getreu dem Motto: „Über Geschmack lässt sich streiten, über Hubraum nicht“ gilt es, auf der Achtelmeile (entspricht 201,17 Meter) am Ende die Nase vorn zu haben. Bei dieser frühen Form des Dragracings wird jedoch weitaus weniger verbissen gerungen. Wer würde sich schon mit seinem Maserati gegen so ein vorhistorisches Hubraummonster auflehnen? Das Rennen wird trotzdem absolviert, just for fun.

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Auch einspurig wird gefahren, die ursprüngliche Zielgruppe des Treffens ist nach wie vor zahlreich vertreten. Klassische Motorräder von Harley Davidson über Triumph bis Moto Guzzi. Wobei das Stahlrahmen-Ungetüm in der Abbildung oben der reinen Effekhascherei des Redakteurs zuzuordnen ist. Die Mehrzahl der Teilnehmer reitet klassische, teilweise liebevoll restaurierte Motorräder aus den 50er und 60er Jahren.

Die Atmosphäre vor Ort ist angenehm, man kennt sich. Aber auch als rasender Reporter, der Hot Rods bisher nur aus der schwarz-weiss Comedyserie „The Munsters“ kannte, fühlt man sich gut aufgehoben. Der raue Kerl in umgekrempelten Bluejeans und Rockabilly-Tolle beantwortet geduldig die Fragen, die er sich wahrscheinlich auf das weisse T-Shirt drucken lassen könnte. „Welches Baujahr?“ – „Watt meenste, Motor, Fahrwerch‘ oda Karosse?“. „Wieviel Sprit verbraucht das Auto denn so?“ – „Hmm..zuviel!“. „Aha, und hat der keine Sicherheitsgurte?“ – „Nä, broocha nich!“. Alle Klarheiten beseitigt?

Das Roadrunner’s Paradise Festival ist überregionaler Publikumsmagnet. Wer keinen Flyer in die Hand bekommen hat oder dem Plakat an der Autobahnabfahrt gefolgt ist, der fährt einfach dem nächsten Hot-Rod-Ungetüm zum Festivalplatz hinterher – wie der Mann, der den besagten rauen Kerl mit der Elvistolle mit Fragen durchlöchert. Merke: Wer automobil querschlägt, hat auch einen Bildungsauftrag!

Hier noch ein kleiner Filmbericht vom Roadrunner’s Paradise in feinster HD Auflösung:

Roadrunner’s Paradise 2008 from Sven Wiesner

Weitere Infos zum Roadrunner’s Paradise Festival unter www.roadrunners-paradise.de.
Danke an Harry Brack vom RP!